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Gewalt gegen JVA-Beamte
22.01.2018 | Bestandsaufnahme

Fußabtreter für Kriminelle – so ist die Situation für die Beschäftigten im Knast

Sie werden mit Urin übergossen und bespuckt. Justizvollzugsbeamte kennen die volle Breitseite an Respektlosigkeit. Was es besonders schwer macht: Nicht überall bekommen sie Rückhalt von ihren Arbeitgebern.

 

Vom Eierdieb über Radikale bis hin zu Mördern – in den Justizvollzugsanstalten trifft man die ganze Bandbreite von Kriminellen an. Man benötigt keine besonders ausgeprägte Fantasie, um sich vorzustellen, wie heftig Beschäftigte in den Justizvollzugsanstalten angegangen werden. Wie auch in anderen Bereichen des Öffentlichen Dienstes bleibt die genaue Anzahl der Attacken ungezählt. Denn gemeldet werden lediglich die Fälle, die zu Krankmeldungen führten. Tägliches Bespucktwerden gehört ebenso wenig dazu, wie mit Kot beworfen oder mit einer Morddrohung eingeschüchtert zu werden.

 

Die Hemmschwelle zu Übergriffen sinke auch durch die Gewalterfahrung der Gefangenen. So brächten beispielsweise Gefangene aus arabischen Kulturkreisen oftmals Kampferfahrung mit, berichtet man uns im Gespräch. Andere erzählen von eiskalten Mafia-Bossen oder Inhaftierten aus Rockerbanden.

 

Hass zu ertragen gehört zum Job dazu

 

Viele Justizvollzugsbedienstete empfinden es als Unding, während der Arbeit Hass und Gewalt wie selbstverständlich ertragen zu müssen. Andere sind resigniert und zählen das zu den Notwendigkeiten, die in ihrem Job in Kauf zu nehmen sind. „Man ist zum Fußabtreter geworden“, sagt uns ein Bediensteter aus NRW. „Über Beschimpfungen und Beleidigungen wird oft nicht mal mehr gesprochen. Es ist vielen gar nicht mehr klar, dass das auch Gewalt ist“, sagt er: „Verbale Gewalt.“ Weil inzwischen die Auffassung herrsche, dass man über dieser Form von Übergriffigkeit drüberstehen müsse, würde auch er versuchen, es sich nicht mehr so zu Herzen zu nehmen. Normal ist dieser Zustand dennoch nicht.

 

Statistiken geben Realität nur verfälscht wieder

 

Hier und da werden Zahlen bekannt, die diese Wirklichkeit ausblenden. Doch auch die selektive Darstellung zeigt: Die Angriffe nehmen zu. 16 Fälle wurden offiziell in Hessens Justizvollzugsanstalten im Jahr 2014 gezählt. Ein Jahr später waren es 19. Im Jahr 2016 dann 22 Fälle. Insider halten diese Zahlen für unrealistisch niedrig. Was die Statistik unter anderem verfälscht: Übergriffe werden erst erfasst, wenn der Betroffene in Folge des Angriffs krankgeschrieben wird. Selbst in Extremfällen, in denen Beamte schwer zu Schaden kamen, müsse manchmal lange um die Anerkennung als qualifizierter Dienstunfall gepocht werden, erzählt man uns.

 

Um mehr Aufschluss und Übersicht über die Zahl der tatsächlichen Fälle zu bekommen, setzten sich der Bund der Strafvollzugsbediensteten, BSBD und die dbb jugend nrw unter anderem für eine Aufnahme solcher Übergriffe in die polizeiliche Kriminalstatistik ein.

 

Uniform – Aufforderung zum Hass

 

Experten erklären sich den generellen Anstieg von Übergriffen durch mangelnde Achtung und weniger Respekt dem Staat gegenüber. Uniformträger seien darum oft die Leidtragenden – ganz gleich ob es Polizisten sind, Ordnungsamtsmitarbeiter oder in besonders extremen Ausmaß Justizvollzugsangestellte.

 

Doch nicht nur die Respektlosigkeiten steigen. Auch die Qualität und die Heftigkeit der Übergriffe habe zugenommen, sind sich die JVA-Bediensteten einig, mit denen wir innerhalb und außerhalb von NRW gesprochen haben. Viele erleben am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, geschubst, gebissen oder geschlagen zu werden. Ein weiteres Problem, das vor allem die weiblichen Bediensteten trifft: sexuelle Anspielungen. Auch gegen sie wird zu wenig unternommen, sagen Betroffene.

 

Nichtige Anlässe führen zu schlimmster Eskalation

 

„Alles kann zur Waffe werden“, erklärt uns ein Beschäftigter aus Bayern: „Messer, Gabel, Stifte, Spitzer oder Glasscherben“, sagt er. Oft seien es nichtige Anlässe, die die Einsitzenden zur Rage bringen und übergriffig werden lassen. „So viele verletzte Kollegen wie im vergangenen Jahr hatten wir in den letzten 15 Jahren nicht“, sagt er.

 

Das ist auch anderorts ähnlich, so zeigen die Gespräche mit den Beschäftigten der JVAs. Zwei Probleme drängen besonders. Das eine: Personalnot. „Wie haben nicht mehr die Personaldecke wie früher“, sagt ein Beschäftigter aus NRW. Dadurch bliebe keine Zeit mehr für Zellenkontrollen und die Suche nach Dingen, die sicherheitsrelevant seien: Waffen, Handys oder auch Drogen. Man verlasse sich zu sehr auf die Kameraüberwachung, sagt er. Zum Teil sei in der U-Haft ein Beschäftigter für 60 Gefangene zuständig, sagen zwei unterschiedliche JVA-Bedienstete. Sie nehmen beide diesen Zustand als chaotisch wahr. Abgestellt wird er jedoch nicht.

 

„Man steht am Pranger“

 

Das zweite drängende Problem: Kommt es zu Übergriffen, fühlen sich nicht alle Beschäftigten hinreichend von Vorgesetzen unterstützt. „Im Gegenteil wird nach einem Angriff auf einen JVA-Beamten durch das Ministerium geprüft, ob es sich nicht möglicherweise um eine Verfehlung des Beamten handelt“, hört man. Ähnlich empfindet es eine Kollegin aus einer anderen JVA. Sie berichtet davon, dass sich Gefangene nach kritischen Situationen gleich Rechtsbeistand nehmen und Kollegen anzeigen. „Man hat immer das Gefühl, man steht am Pranger. Dabei hat man ja nichts gemacht“, sagt sie. Häufig berichten die Beschäftigten, dass man als Opfer eines Übergriffs im Job oft lange kämpfen müsse.

 

Manchmal sei es Programm, dass sich Gefangene gegen JVA-Bedienstete zusammentun und falsche Behauptungen in den Raum stellen, sagt ein weiterer Beamter. Er fühlt sich dem ohnmächtig ausgeliefert. Die Folgen der psychischen Ohnmacht: Immer wieder quälen ihn Kopfschmerzen und Migräne.

 

Es gibt Unterstützung – aber nicht immer genug

 

Neben solch frustrierenden und belastenden Momenten gibt es in einigen Justizvollzugsanstalten auch Maßnahmen, die die Beschäftigten in ihrer Position stärken und sie auf mögliche Gefahrensituationen vorbereiten. Das geschieht zum Beispiel in Deeskalationsschulungen und Weiterbildungen, die über das ganze Jahr hinweg immer wieder angeboten werden. – Nach Auskunft der Beschäftigten allerdings nicht überall. Daneben hört man vereinzelt von Interventionsteams, die nach Belastungssituationen eng mit dem psychologischen Dienst zusammenarbeiten und den Betroffenen Hilfestellung geben. In Bayern ist das so. Auch in Bremen und Berlin soll es ähnliche Unterstützung geben.

 

Trotz solcher Vorstöße reicht das den meisten Beschäftigten jedoch nicht. Sie finden, dass durch Anstaltsleitungen mehr getan werden müsse, um die belastende Situation zu entschärfen. Es fehle an Vorgaben und klaren Zeichen durch die Politik.

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