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Was in Aachen gegen Gewalt getan wird
14.08.2018 | Gute Ansätze

Gewalt am Arbeitsplatz effektiv vorbeugen

Ein durchgängiges und umfassendes Sicherheitskonzept mit modernen Sicherheitsstandards – im Öffentlichen Dienst sollte das zur Selbstverständlichkeit werden, um so Gewalt am Arbeitsplatz vorzubeugen und die eigenen Beschäftigten wirksam zu schützen. Viele Ämter und Behörden haben hier noch Nachholbedarf. In Aachen geht man mit gutem Beispiel voran.

 

Beinahe täglich ist von Übergriffen auf Beschäftigte im Öffentlichen Dienst zu lesen. Eine Geiselnahme mit Waffengewalt zählt in Aachen zu den traurigen Höhepunkten solcher Gewaltattacken. Zwei Stunden lang hielt eine Frau einen Mitarbeiter der Behörde mit einer Pistole in Schach, um Essensmarken und Geld zu erpressen. Der Fall ging zwar glimpflich aus und liegt schon einige Zeit zurück, dennoch ist er in vielen Köpfen nach wie vor präsent.

 

„Ob im Vollzugsdienst oder im Kita-Bereich, wo man glaubte, mit Gewalt wenig zu tun zu haben: Die Situation hat sich derart verändert, dass es drängte, sich damit auseinanderzusetzen“, sagt Hubert Meyers, Vorsitzender des Gesamtpersonalrats der Stadt Aachen. Auch als stellvertretender Bundesvorsitzender der komba-Gewerkschaft setzt er sich mit dem Thema intensiv auseinander. Denn nicht nur für ihn ist klar: „Hier sind die Dienstherren in der Pflicht!“ Es ließ sich nicht mehr darüber hinweg sehen, dass die Zahl der Übergriffe auf Beschäftigte mit direktem Kundenkontakt immer mehr zunahm. Auch die Formen der Gewalt wurden immer breiter. Beschimpft und beleidigt zu werden, angeschrien, bespuckt oder mit Gegenständen beworfen zu werden – das sei nicht hinnehmbar, so Meyers.

 

Komba und dbb jugend nrw gaben wichtige Impulse

 

„Angestoßen durch die komba und die dbb jugend nrw haben wir damit begonnen, Positionen zum Thema ‚Übergriffe auf Beschäftigte‘ einzunehmen und auf Gewerkschaftsseite aktiv zu werden“, sagt Meyers. In der Aachener Verwaltungsspitze war man schließlich derart sensibilisiert und davon überzeugt, an der Situation für die Beschäftigten etwas verändern zu müssen, dass man das Thema breitflächig anging.

 

„Wir hatten bereits einen Sicherheitsdienst eingesetzt, weil die Zahl der Vorfälle überproportional hoch war“, sagt Meyers. Mit dem Willen, nachhaltige Verbesserungen zu schaffen, stellte man zudem eine Fachkraft für Arbeitssicherheit ein. Zwei Jahre investierte man in Aachen in die Ausarbeitung eines Sicherheitskonzepts zur Gewaltprävention, das in Abstimmung mit dem Gesamtpersonalrat und unterstützt von Politik und Polizei erst jüngst vorgestellt wurde.

 

Ein Konzept, das konkret helfen soll

 

Im Ergebnis sollen nun die knapp 5.000 Kommunalbediensteten der Stadt Aachen davon profitieren. Kern des Sicherheitskonzeptes: Handlungsmöglichkeiten aufzuführen, die Gewalt am Arbeitsplatz vorbeugen. Fest definiert sind nun zahlreiche Sicherheitsstandards für verschiedene Gefahrenbereiche. Außerdem findet man in dem umfassenden Konzept Empfehlungen zum professionellen Handeln in schwierigen Situationen und Möglichkeiten der Nachsorge.

 

In Konsequenz dazu hat man in Aachen einen Deeskalationstrainer fest eingestellt, der durchgehend Beschäftigte schulen wird. Weitere Neuerung: Nachdem im Zuge von Einsparmaßnahmen Pförtnerdienste gestrichen wurden, ist man nun dazu übergegangen, erneut alle Häuser mit Pförtnern zu besetzen. Auch bauliche Maßnahmen hat man im Blick. Auch wenn sie nicht überall sofortige Besserung zulassen, weiß man doch, worauf man achten kann und was sich zumindest in Teilen direkt realisieren lässt.

 

Beschäftigte und Bürger schützen

 

„Die Verwaltungen sind in der Pflicht, die Beschäftigten und auch die Bürger, die bei Ausschreitungen im öffentlichen Raum mitgefährdet werden, zu schützen.“ Nicht immer braucht es dazu monetäre Mittel. „Auch durch kleine Dinge kann man schon Veränderungen herbeiführen“, sagt Meyers. Ein Beispiel, das er dazu gibt: Übergriffe sollten nicht als Kavaliersdelikt betrachtet werden. Das müsse auch nach außen deutlich werden. Dass Dienstherren in solchen Situationen eine Null-Toleranz-Strategie fahren, kostet nichts, macht aber dennoch nach außen deutlich, dass man durchgreift.

 

„Doch Aachen ist keine Insel“, sagt Meyers mit Blick auf die Umsetzung eines solchen Sicherheitskonzepts auf breiter Fläche. Aus diesem Grund sei der Personalrat zu interkommunalem Austausch bereit. Mit anderen Worten: Nachahmen ist erwünscht!

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