Zur Übersicht
Straßenwärter müssen sich im Job einiges gefallen lassen
19.04.2017 | Betroffenenberichte

Was Straßenwärtern außer gemeinen Worten noch an den Kopf fliegt

Straßenwärter haben einen Knochenjob: Bei Wind und Wetter sind sie auf der Straße, im Winterdienst sogar im Schichtbetrieb. Das ist kein Zuckerschlecken. Erst recht nicht, wenn man dauernd beschimpft wird.  Doch manchmal kommt es noch schlimmer.

 

Straßen und Brücken in Stand halten, Grünstreifen säubern und Baustellen absperren – das sind tägliche Aufgaben in der Straßenmeisterei. Auch wenn Unfälle passieren, müssen nicht nur Rettungsdienste und Polizei, sondern auch die Straßenwärter raus: „Dann ist es unsere Aufgabe, für alle anderen Verkehrsteilnehmer die Sicherheit auf der Straße zu garantieren“, erzählt uns ein Straßenwärter, der gerne anonym bleiben möchte.

 

Dickes Fell gehört in diesem Job zur Standardausstattung

 

Das hat seinen Grund, denn auch wenn sich die meisten Beschäftigten in diesem Beruf ein dickes Fell zugelegt haben, kann der Job sehr belastend sein. Nicht jeder mag gerne darüber sprechen. Dass in einem Stau mal eine Banane in Richtung der Straßenwärter fliegt oder sie als „Schwein“ oder Ähnliches beschimpft werden, weiß der stellvertretende Landesvorsitzende der VDStra, Hermann-Josef Siebigteroth, zu berichten. „Meist versuchen die Betroffenen, es von der leichten Seite zu nehmen“, sagt er. „Was soll man auch sonst machen? Zeugen dafür hat man meist keine.“ Auch Paul S. (Name der dbb jugend nrw bekannt) kann von verschiedenen Vorfällen auf der Straße erzählen. Es komme schon mal vor, dass Dinge nach ihm und seinen Kollegen geworfen würden.

 

Steine, Müll und Bierdosen als Wurfgeschosse

 

Der Bundesvorsitzender der VDstra, Siegfried Damm, weiß aus vielen Gesprächen mit Straßenwärtern, was da so alles fliegt: „Steine, Müll oder Bierdosen“, sagt er im Gespräch mit der dbb jugend nrw. „Die treffen Autos und Menschen.“ Jeden zweiten bis dritten Tag erfährt er von Vorfällen. Oft sind persönliche Beleidigungen und der Stinkefinger im Spiel. Auch körperliche Angriffe kommen gelegentlich vor.

 

So wie kürzlich. Unser anonymer Gesprächspartner berichtet von einem Übergriff auf einem Rastplatz. „Ein Kollege hat auf einem Rastplatz gearbeitet, denn auch die werden von uns bewirtschaftet“, erzählt er. Dabei habe er einen LKW-Fahrer beim „Wildpinkeln“ beobachtet. Er macht ihn darauf aufmerksam, dass es auch Toilettenanlagen gibt, auf die man auf dem Rastplatz gehen kann. „Der LKW-Fahrer ist daraufhin sofort ausgerastet.“ Der Trucker greift in den Lastwagen und holte ein Werkzeug heraus, mit dem er auf den Straßenwärter losgehen will. „Glücklicherweise hat er sich aber noch besonnen und das Werkzeug wieder zurückgelegt“, berichtet uns der Straßenwärter. Doch beruhigt hat er sich noch lange nicht. Immer noch aufgebracht entreißt der LKW-Fahrer dem Kollegen des Straßenwärters einen Müllgreifer, den dieser in der Hand hält, und drischt damit auf ihn ein.

 

Nur aufmerksamen Autofahrern auf dem Rastplatz ist es zu verdanken, dass der Fahrer des Lastwagens gefasst werden konnte. Sie notierten geistesgegenwärtig das Autokennzeichen. Nun läuft eine Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung. Den Schock aber überwindet der betroffene Kollege so schnell nicht.

 

„Wenn wir auf dem Grünstreifen Abfall einsammeln, werfen manche Autofahrer extra etwas dazu“, sagt Paul S. Am Anfang seiner Ausbildung habe er nach Beschimpfungen vorbeifahrender Autofahrer gedacht: „Was kann ich dafür?“ Das ist jetzt mehr als sieben Jahre her. Inzwischen ist sein Fell dick geworden.

 

Wut über Baustellen entlädt sich bei den Arbeitern

 

In gewisser Weise bemüht er sich sogar darum, Verständnis für die Autofahrer zu haben, die angenervt in Baustellen stehen müssen. Klar sei das nicht toll, an einer Baustelle warten zu müssen, meint er. Jede solche Baustelle ist für die Autofahrer ein Hassobjekt. Ihre Wut entladen sie an den Arbeitern auf der Straße. Als Idioten mag Paul S. sich dennoch nicht gerne beschimpfen lassen.

 

Was ihn außerdem ärgert: „Manchmal versuchen mir Leute zu erklären, wie ich meinen Job machen soll.“ Ein Beispiel dafür: Wenn schwere Unfälle passieren, die es nötig machen, auf Abschlepptechnik zu warten, kommen schon mal Sprüche wie: „Wenn Ihr hier nicht rumstehen würdet, könnten wir auch wieder weiterfahren.“ Das regt ihn schon manchmal auf. Zumal die Einsätze an Unfallstellen auch für die Straßenwärter sehr belastend sein können. „Meist wissen wir nicht, was uns da erwartet. Wir müssen dann alles aufräumen und sind manchmal auch mit Leichen konfrontiert“, sagt er.

 

Anonym mal Dampf ablassen können wäre eine Erleichterung

 

In solchen Situationen braucht der ein oder andere statt wüster Beschimpfungen vielleicht selbst ein Gegenüber, bei dem er Luft ablassen und mit dem er reden kann. Paul S. würde sich darum eine Telefonbetreuung wünschen, bei der man anonym sein Herz ausschütten kann. Denn auch verbale Beschimpfungen gehen an manchen nicht spurlos vorüber. Aus diesem Grund warb NRW-Verkehrsminister Michael Groschek im vergangenen November bereits für mehr Respekt für die Arbeit der Straßenwärter. Ein kleiner Anfang.

mehr lesen