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27.06.2019 | Bestandsaufnahme

Gewalt ist zum Event geworden

Im Fußball kennt man es: Gewalt wird zunehmend zum Event. Gewaltbereite Fans reisen oft von weither an, um gemeinsam Eskalation zu erzeugen und zu erleben. Doch auch außerhalb vom Fußball ist dieses Phänomen immer häufiger anzutreffen. Warum ist das so?

 

Die Bilder von fliegenden Kanaldeckeln und brennenden Autos beim G20-Gipfel in Hamburg im Jahr 2017 sind vielen noch präsent. Niemand hatte mit einem solchen Ausufern der Gewalt gerechnet. Niemand hätte gedacht, dass dort derart viele Polizisten verletzt werden würden. Bis in die Nacht verselbstständigte sich die Lage zunehmend. Potenzielle Gewalttäter rüsteten sich laut Medienberichten mit Gerüstteilen und Steinen. Aus ganz Europa kamen die Gipfelgegner, um in Hamburg zu randalieren.

 

Das ist Vergangenheit. Doch lohnt es sich dennoch, einen Blick zurück zu werfen. Denn Sozialforscher und Psychologen beobachten ein Phänomen, das zunehmend gesellschaftlich um sich greift und auch bei zahlreichen Übergriffen auf Beschäftigte im Öffentlichen Dienst eine Rolle spielt: Es ist die Entwicklung, Gewalt als Event zu sehen.

 

Warum in friedlichen Zeiten Gewalt zunimmt

 

Eine auf den ersten Blick unverständliche Entwicklung, denn eigentlich müsste man sich nach 70 Jahren Frieden, zunehmendem Wohlstand und einer stabilen wirtschaftlichen Situation zufrieden zurücklehnen. Warum tun Menschen aber genau das Gegenteil und machen Krawall? Nach Ansicht der Psychologen Peter Fischer und Eva Lermer rührt die Lust der Menschen an Gewalt und Zerstörung unter anderem von der Suche, dem Wohlstand etwas Neues und Aufregendes entgegenzustellen, schreiben sie in ihrem Buch „Unbehagen im Frieden“. Demnach steckt eine psychologische Motivation hinter der zunehmenden Gewaltbereitschaft. In einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ sagt Fischer: „Uns ist im Frieden langweilig geworden.“

 

Die Lust auf den Kick

 

Ein weiterer Trend der letzten Jahre: Unsere Gesellschaft ist zunehmend eventorientiert geworden. Man wünscht sich Spaß oder gar einen Kick, Adrenalin und Action. Auch im Internet zeigt sich: Hass kann Spaß machen. Oftmals erlebt es die dbb jugend nrw selbst: Unter Beiträgen, die die Übergriffe gegen Beschäftigte im Öffentlichen Dienst zum Thema hatten, oder dem Video, mit dem 2016 die Kampagne „Gefahrenzone Öffentlicher Dienst“ startete, wurden Hasskommentare gepostet und von anderen gutgeheißen.

 

Vor allem Polizeibeamte und Menschen in helfenden Berufen wie dem Rettungsdienst sind dabei die Leidtragenden. Polizisten, Sanitäter oder Ärzte geraten immer häufiger ins Visier von Hassbürgern. Sie werden zu Opfern von verbaler Pöbelei bis hin zu schwerer Körperverletzung. Besonders erschreckend: Oft werden die Täter danach in ihren Reihen sogar gefeiert.

 

Besonders bei Großveranstaltungen ist das so. Denn dort stoßen verschiedene Interessen aufeinander: Einerseits wird gefeiert, andererseits versuchen Polizei und Rettungsdienste ihren Job zu machen. Dabei werden sie von den Feiernden als Störenfriede wahrgenommen. Kommt dann ein Angriff auf die Helfer, wird dieser plötzlich skandiert und gefeiert. So geschehen zum Beispiel auch in der Kölner Silvesternacht, in der es auf der Domplatte zu zahlreichen sexuellen Übergriffen kam.

 

Weniger Sprechen – mehr Ausrasten

 

Woher kommt das? Gewaltforscher wie Andreas Zick, Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld, sind dieser Frage nachgegangen. Zick macht einen Verlust an Kommunikation und zeitgleich eine Zunahme an der Lust an Gewalt dafür verantwortlich. Menschen, die aus gewaltdominierten Elternhäusern kommen, transportieren Gewalt eher weiter, sagt Zick in einem Interview im Bayerischen Rundfunk. Grund: Sie lernen, mit Gewalt Probleme zu lösen. In einer wissenschaftlichen Untersuchung zeigte sich beispielsweise, dass rund 80 Prozent der Untersuchten als Erwachsene asozial und mehr als 30 Prozent gewalttätig waren, wenn sie in ihrer Kindheit selbst Gewalt erfahren hatten.

 

Eine weitere Ursache für solches Verhalten: Sind Menschen sozial schlecht eingebunden und kommen sie aus prekären Verhältnissen, haben sie häufig schlechte Chancen auf Arbeit, sind in Sachen Bildung benachteiligt und fühlen sie sich öffentlich ohne Stimme. Leicht stellt sich dann das das Gefühl ein, öffentlich nicht wahrgenommen zu werden. Gewalt jedoch werde registriert und erziele zudem Reaktionen, sagt Soziologe und Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer gegenüber der Zeitschrift „Der Spiegel“. Somit wird sie zum erfolgreichen Mittel, sich bemerkbar zu machen.

 

Gewalt als Rauschmittel

 

Schließen sich solche Gleichgesinnten zusammen, wird Gewalt plötzlich zum legitimen Mittel und gar als Erlebnis wahrgenommen, sagt Zick. Bekannt ist dieses Phänomen auch aus dem Bereich des Extremismus. Dabei nehmen die Akteure in Kauf, andere in Gefahr zu bringen oder zu verletzen, um den Exzess zu feiern und sich in eine Art Rauschzustand zu bringen. Es geht um die Suche nach dem Kick oder der besten Action. Über das gemeinsame Erleben fühlt man sich in der Gruppe gestärkt.

 

Forschungsergebnisse zeigen das aus dem Bereich der Gewaltanwendung unter Fußballfans. Gewalt ist für Hooligans ein Medium zur Herstellung einer positiven Identität, von Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Auseinandersetzungen werden bewusst und gezielt gesucht. Der Einzelne muss dann laut Heitmeyer oftmals zu immer härterer Gewalt greifen, um seine Stellung in der Gruppe zu wahren.

 

Das unternimmt die dbb jugend nrw gegen diese Entwicklung

 

„Aus diesem Grund ist es uns ein Anliegen, in Gesprächen und auf Öffentlichkeitsveranstaltungen auf diese erschreckende und nicht wünschenswerte Situation aufmerksam zu machen“, sagt Moritz Pelzer, Vorsitzender der dbb jugend nrw. Man könne diese gesellschaftliche Entwicklung nicht einfach so stehen lassen. Als ebenfalls wichtig erachtet es der gewerkschaftliche Jugenddachverband, die jungen Beschäftigten im Öffentlichen Dienst darin zu unterstützen, kritische Situationen möglichst schnell zu identifizieren und ihnen persönlich etwas entgegensetzen zu können.

 

„Jüngst ließen sich auf unserer Sicherheitskonferenz in Düsseldorf zahlreiche Mitglieder durch eine Psychologin in Sachen Resilienz schulen“, sagt Pelzer. Eine ganze Gesellschaft könne man nicht auf einmal verändern, jedoch gezielt durch Aktionen auf Missstände aufmerksam machen. „Das werden wir auch weiterhin als unsere Aufgabe sehen“, kündigt Pelzer für die Zukunft an.

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