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"Gefahrenzone" wird Thema einer Masterarbeit
08.05.2019 | Mit im Boot

„Gefahrenzone“ wird Thema einer Masterarbeit

Viele erinnern sich noch: Im September 2012 stirbt in Neuss eine Jobcenter-Mitarbeiterin nach einem Messerangriff. Auch Julia Desiree Neumann hat dies noch gut in Erinnerung. Seitdem hat sie das Thema „Gefahrenzone Öffentlicher Dienst“ nicht mehr los gelassen. Jetzt schrieb sie ihre Masterarbeit darüber.

 

Als es im September 2012 zu dem tödlichen Angriff auf eine Sachbearbeiterin des Jobcenters in Neuss kommt, arbeitet Julia Desiree Neumann selbst in einem Jobcenter – in Krefeld. Nicht einmal 20 Kilometer liegen die beiden Gebäude voneinander entfernt. Das aber ist nicht der einzige Grund, weshalb das schreckliche Ereignis Julia Neumann sehr nah ist. Auch die Tatsache, im selben Arbeitsbereich tätig zu sein, lässt den tödlichen Übergriff noch ein Stückchen näher kommen.

 

Nach tödlicher Attacke Sicherheitsvorkehrungen verschärft

 

„Uns hat das alle sehr getroffen“, sagt sie. Im Nachgang der tödlichen Attacke verschärfte man im Jobcenter Krefeld die Sicherheitsvorkehrungen. Über ihre Fachgewerkschaft – die komba – wurde Julia in Krefeld sehr aktiv, um die Situation für die Beschäftigten noch weiter zu verbessern. Das schien nach Bombendrohungen weiterhin dringend nötig.

 

„Auch wenn ich Gott sei Dank noch nie selbst einen Übergriff erlebt habe, hat mich das Thema ‚Gefahrenzone Öffentlicher Dienst‘ also begleitet“, sagt Julia. Heute arbeitet sie in der Schulverwaltung der Stadt Krefeld. Als sie im vergangenen Jahr an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW in Köln ihrer Professorin ein Thema für ihre Masterarbeit vorschlagen sollte, war für sie gleich klar, worum es darin gehen soll: um Gewalt gegen Beschäftigte im Öffentlichen Dienst.

 

Thema Gefahrenzone Inhalt wissenschaftlicher Diskussion

 

„Die dbb jugend nrw freut sich sehr darüber, dass damit das wichtige Thema nicht nur Inhalt einer mit Preisen ausgezeichneten Kampagne ist, verschiedene Gesetzesinitiativen durch unsere Initiative angestoßen werden konnten und wir auch weiterhin mit der Politik im Gespräch sind, um die Situation für die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst zu verbessern“, sagt Moritz Pelzer als Vorsitzender der dbb jugend nrw. Ihn freue es sehr, dass die Thematik nun sogar zum Inhalt wissenschaftlicher Diskussion geworden sei.

 

Mit ihrem aktuellen Thema rannte Julia Desiree Neumann nämlich auch an der Fachhochschule offene Türen ein. Erst jüngst stellte sie die Kernergebnisse ihrer 90-seitigen Arbeit in einer Abschlussprüfung vor. Einer der Schwerpunkte: bauliche Aspekte und gefahrenbewusste Büroeinrichtung.

 

Nicht ohne Grund: Denn nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema bemerkte die 28-Jährige: „Schon mit der Büroeinrichtung und einem durchdachten Aufbau des Gebäudes kann man bereits Übergriffe verhindern“, sagt sie. Oft seien solche Maßnahmen sogar schneller umsetzbar als andere. Fakt nämlich sei: „Wir werden auch weiterhin Publikumsverkehr in den Rathäusern haben und stehen vor der Herausforderung, ein offener Bereich für Bürgeranliegen zu sein und zugleich die Mitarbeiter adäquat schützen zu müssen“, sagt sie.

 

Ideensammeln bei Security-Messe Essen

 

Konkret hat sie ihre Ideen in der Masterarbeit skizziert. Um das tun zu können, sprach sie nicht nur mit zahlreichen Experten oder schaute sich Umsetzungsmodelle in verschiedenen Kommunen an. „Ich war auch auf der Security-Messe in Essen.“ Eine der Ideen, die sie von dort mitbrachte: „Es gibt beispielsweise Alarmsysteme, die ich an der Kleidung überall mit hinnehme, wohin ich gehe.“ Ganz gleich also, ob ein Mitarbeiter die Wartezone passiert, zum Kopierer geht oder zur Toilette: Jederzeit ist es ihm möglich, im Notfall einen Alarm auszulösen. Solche Systeme können als Ergänzungen gesehen werden und sind flexibler als fest am Arbeitsplatz installierte Notrufsysteme. Die basieren bislang oftmals auf Tastenkombinationen der PC-Tastatur und haben eine hohe Fehlerquote.

 

Einer ihrer konkreten Vorschläge zur Gestaltung des Arbeitsumfeldes: Wartezonen und Arbeitsbereiche freundlicher zu gestalten. Das trage zu einer aufgeschlosseneren und positiven Umgebung bei. Am Arbeitsplatz könnte man Monitore installieren, auf denen Kunden mitverfolgen können, was der Sachbearbeiter gerade macht. „Flure und Wartebereiche großzügig und hell zu gestalten, minimiert das Stressempfinden bei den Kunden“, sagt Neumann. Zudem hält sie es für wichtig, schon bei der Planung von Gebäuden sicherheitsrelevante Aspekte mit zu bedenken und Front- sowie Backoffice-Bereiche zu planen.

 

Warum Einlasskontrollen sinnvoll sind

 

Sinnvoll könne – je nach Arbeitsbereich – auch eine Einlasskontrolle sein. „Im Ernstfall weiß man meist nicht, wie viele Menschen überhaupt im Gebäude sind“, moniert Neumann. Eine entsprechende Kontrolle mache dies transparent.

 

„Solche Ergebnisse sind auch für uns in der Landesjugendleitung interessant“, sagt Pelzer. Sie können in Gesprächen mit der Politik und Arbeitgebern als konkrete Vorschläge helfen. Besonders erfreulich: Durch den aktuellen Praxisbezug ist eine solche Masterarbeit mehr als geduldiges Papier, das in einer Schublade verschwindet.

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