Der Vorsitzende des dbb Hessen im Interview
05.03.2021 | Bestandsaufnahme

Kriminologen überrascht Zahl der Übergriffe auf Staatsbedienstete

58 Prozent der Lehrkräfte werden bedroht. Körperliche Angriffe stehen auch bei Gerichtsvollziehern beinahe auf der Tagesordnung. Neue Zahlen aus Gießen zeigen: Die Gewalt gegen Beschäftigte im Öffentlichen Dienst nimmt nicht ab. Ein Überblick über die wichtigsten Ergebnisse.

 

Eine Klientin rastet im Frankfurter Jobcenter aus, so dass die Polizei eingreifen muss. Ein Beschäftigter des Jobcenters wird im Streit um Hartz IV bedroht. Als die Polizei eintrifft, greift die ausfallend werdende Frau einen Polizisten mit dem Messer an und sticht mehrfach auf ihn ein. In Notwehr wird die Frau erschossen. – Ein extremer Fall, aber einer von vielen. Das zeigt die neue Studie von Gewalt gegenüber Beschäftigten im Öffentlichen Dienst.

 

Es sind nicht nur verbale Übergriffe

 

„Nicht nur Respektlosigkeiten nehmen zu, sondern auch verbale und körperliche Angriffe“, sagt Heini Schmitt, Vorsitzender des es hessischen Landesverbands des Deutschen Beamtenbunds (dbb Hessen) bei der Vorstellung einer Studie der Universität Gießen, die sich genau mit diesem Thema befasst. Das Kernergebnis: Beschäftigte werden immer häufiger und immer heftiger angegangen.

 

Für die Studie führte Britta Bannenberg, Professorin für Kriminologie an der Uni Gießen, mit ihrem Team eine qualitative Befragung mit 23 Beamtinnen und Beamten durch. 60 Prozent der Gerichtsvollzieher erfahren mindestens einmal in ihrem Leben einen körperlichen Angriff, ergab sich aus der Umfrage. Justizvollzugsbedienstete schilderten, angespuckt zu werden bis hin zu Tötungsversuchen. Beschäftigte des Jobcenters berichteten in 16 Prozent der Fälle von Übergriffen.

 

Polizisten, Lehrer und Beschäftigte der Agentur für Arbeit erleben die meisten Angriffe

 

Am heftigsten sieht die Situation bei der Polizei aus: 83 Prozent der Befragten gaben an, schon einmal Opfer von körperlicher Gewalt geworden zu sein. Jeder Zehnte hat bereits eine Morddrohung erhalten, so das Ergebnis der nicht repräsentativen Umfrage. Daneben waren auch Mitarbeiter der Agentur für Arbeit und Lehrer in besonderem Maß von Gewalt betroffen. Die Umfrage der Uni Gießen wurde im Auftrag des dbb Hessen zwischen September und November 2019 durchgeführt.

 

Kriminologin Bannenberg zeigt sich betroffen: Die einzelnen Fallschilderungen, die sie für die Studie aufgenommen habe, seien sehr extrem und sehr berührend. Überrascht sei die Forscherin darüber, was sich im Laufe eines Berufslebens bei den Beschäftigten so anhäufe. Der dbb Hessen fordert in Zusammenhang mit den neuen Untersuchungsergebnissen mehr Unterstützung für die Beschäftigten. Sie würden zu oft im Stich gelassen, sagt Schmitt. Zudem würden Gegenmaßnahmen durch die Politik nur schleppend getroffen.

 

Schluss mit dem Job lange vor der Rente

 

Das hat herbe Auswirkungen für die Betroffenen. Bannenberg sieht ein hohes Risiko für einen Burn-out bei Beschäftigten, die pausenlos Übergriffen ausgesetzt seien und die keine Unterstützung erfahren. Im schlimmsten Fall könnten diese ihren Beruf gar nicht bis zum Ende des Arbeitslebens ausüben.

 

Um es erst gar nicht so weit kommen zu lassen, sind aus Sicht des dbb Hessen dringend zusätzliche Maßnahmen erforderlich. Es habe keinerlei Wirkung, zweimal im Jahr Respekt zu fordern. Stattdessen müsse grundlegend etwas geschehen, um Gewalt einzudämmen – denn verhindern wird man sie nicht können, so die Einschätzung von Heini Schmitt.

 

Nicht überall seien die baulichen Situationen so, dass sie dazu beitragen, den Beschäftigten Schutz zu bieten – beispielsweise durch Sichthindernisse oder Fluchtmöglichkeiten. Viele Beschäftigte seien zudem zu wenig auf Gefahrensituationen vorbereitet und wüssten dann im konkreten Fall nicht, wie sie sich verhalten sollen. „Außerdem könnten die rechtlichen Rahmenbedingungen verbessert werden“, sagt Schmitt. Dem dbb Hessen schwebt eine eigene Strafvorschrift zum Schutz der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst vor, sowie mehr Unterstützung von Führungskräften, wenn Beschäftigte von solchen Vorfällen berichten. Denn – das zeigt die Studie ebenfalls: Obwohl Beschäftigte der Agentur für Arbeit in fast 60 Prozent der Fälle ihre Vorgesetzen über Gewaltangriffe informieren, wird nur selten Strafanzeige gestellt. Nach Auffassung des dbb Hessen wären zudem nachsorgende Maßnahmen wichtig.

 

Ob Hessen oder NRW – die Situation stellt sich ähnlich dar

 

„Die Daten und Erfahrungen, die die Kollegen in Hessen zusammengetragen haben, können wir für NRW bestätigen“, sagt Moritz Pelzer, Vorsitzender der dbb jugend nrw. Übereinstimmend berichtet auch er davon, dass nach dem Stellen von Strafanzeigen oftmals die Verfahren eingestellt würden, mit der Begründung mangelnden öffentlichen Interesses. Im Zusammenhang mit ihrer Kampagne „Gefahrenzone Öffentlicher Dienst“, in der aktuelle Übergriffe dokumentiert werden und Betroffene zu Wort kommen, fordert der gewerkschaftliche Jugenddachverband bereits seit einiger Zeit, dass Übergriffe auf öffentlich Bedienstete gesondert in die Polizeiliche Kriminalstatistik aufgenommen und so endlich dokumentiert werden. Bislang werden lediglich Übergriffe auf Polizeibeamte und Rettungskräfte erfasst.

 

„Wichtig ist zudem der Austausch sicherheitsrelevanter Informationen innerhalb einer und zwischen verschiedenen Behörden“, sagt Pelzer. Wenn jemand im Sozialamt ausrastet, weiß man davon im Bürgerbüro nichts. Besonders für Beschäftigte im Außendienst könne es lebensrettend sein, vor dem Besuch Zugriff auf sicherheitsrelevante Erkenntnisse der Polizei und anderer Behörden zu haben.

 

„Ganz gleich, ob in Frankfurt oder in Düsseldorf: Wir brauchen ganzheitliche Sicherheitskonzepte – z.B. nach dem ‚Aachener Modell‘ – die für alle Behörden verpflichtend sind“, sagt Pelzer. Mit Stückwerk komme man gegen das Problem nicht an.

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